Krebs in Europa
Mehr Investitionen – mehr Leben
Sind Krebserkrankungen bald die häufigste Todesursache in Europa und lösen die Herzkreislauf-Erkrankungen als Killer Nr. 1 ab? Davon geht das renommierte Swedish Institute for Health Economics (IHE) aus. Schon heute ist fast jeder vierte Todesfall in Europa (23 Prozent) auf eine Tumorerkrankung zurückzuführen – Tendenz steigend. Das zeigt: Die Länder müssen ihre Anstrengungen in den Bereichen Prävention, Früherkennung, Diagnose und Behandlung Herzkreislauf-Erkrankungenverstärken. Das Geld wäre gut investiert.
Dänemark, Frankreich oder Irland, die Niederlande, Norwegen oder Großbritannien: In diesen Ländern ist Krebs bereits heute die häufigste Todesursache. In ganz Europa wird das bis spätestens 2035 auch so sein, wie das IHE in seinem Bericht
„Comparator Report on Cancer in Europe 2025“ vorhersagt. Sollte es nicht „zu weiteren Verbesserungen und Investitionen in allen Bereichen der Krebsversorgung – Prävention, Früherkennung, Diagnostik und Behandlung sowie Nachsorge – kommen, werden die erwarteten demografischen Veränderungen die Krebsinzidenz und -sterblichkeit in der Europäischen Union erheblich erhöhen“, schreibt das Team um die Gesundheitsökonomin Andrea Manzano (MSc). Dann wird es im Jahr 2050 4,1 Millionen neue Krebsfälle und 2,1 Millionen Tote geben. 2022 waren es rund 3,2 Millionen Neudiagnosen und rund 1,5 Millionen Tote (s. Grafik). Noch eine Zahl: Um 60 Prozent hat die Zahl der Neudiagnosen seit 1995 in Europa zugenommen. Fast jeder zweite Mann und mehr als jede dritte Frau in der EU wird im Laufe ihres Lebens vor Erreichen des 85. Lebensjahres eine Krebsdiagnose erhalten.
Krebs ist und bleibt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen – mit erheblichen Auswirkungen auch auf die Wirtschaftskraft und damit den Wohlstand der Länder. Die Krebsbekämpfung entsprechend zu priorisieren und zu investieren wäre deshalb auch ein kräftiger wirtschaftlicher Impuls.
Die Krebsforschung boomt
Einer, der sich garantiert lohnen wird. Die Sterblichkeit nimmt schon heute nicht mehr in dem Tempo zu, wie es die steigende Zahl an Krebsdiagnosen vermuten lassen würden. Das ist ein klares Zeichen für medizinischen Fortschritt – angetrieben durch wirksamere und präziser wirkende Arzneimittel, frühere Diagnosen und insgesamt eine bessere Versorgung von Menschen mit Krebs. Und weil der Forschungsapparat in der Onkologie boomt wie in keiner anderen Indikation, ist davon auszugehen, dass sich die Investitionen in die Medizin noch stärker lohnen werden. Das IHE schreibt: „Die Forschung […] hat in den vergangenen Jahrzehnten die Entwicklung neuer Wirkstoffklassen vorangetrieben und weitere Durchbrüche zeichnen sich ab. Die Krebsbehandlung hat sich mit der Einführung zielgerichteter Therapien zur Jahrtausendwende und den mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Immuntherapien in den 2010er-Jahren drastisch verändert. Während zielgerichtete Therapien auf molekulare Ziele abzielen, die für das Überleben von Krebszellen entscheidend sind, stärken Immuntherapien die Fähigkeit des Immunsystems, Krebs zu bekämpfen. Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs), bispezifische Antikörper (BsAbs) und CAR-T-Zell-Therapien haben das therapeutische Arsenal in jüngster Zeit erweitert.“
Und die Zukunft nimmt gerade erst Fahrt auf: Fast ein Drittel (29 %) aller weltweit initiierten klinischen Studien untersuchen onkologische Wirkstoffe – viele davon werden die Standardbehandlung von Morgen sein. „Neue zellbasierte Therapien könnten bald einen Durchbruch erzielen, zusammen mit innovativen Wirkstoffklassen wie therapeutischen Krebsimpfstoffen (basierend auf mRNA-Technologie), Proteolyse-zielenden Chimären (PROTACs), Gen-Editierung und -Therapie, onkolytischer Virotherapie und RNA-Interferenz“, heißt es seitens des Instituts.
Bis zu 50 Prozent der Krebsfälle wären vermeidbar
Ein weiterer Hebel, um Krebs gezielt zu bekämpfen, hat weniger mit medizinischem Fortschritt zu tun. Die Wissenschaft geht davon aus, dass zwischen 30 und 50 Prozent der weltweiten Krebsfälle in Zusammenhang mit veränderbaren Risikofaktoren stehen. Dazu gehören neben Tabak- und Alkoholkonsum, Übergewicht und Adipositas, ungesunde Ernährung, und Bewegungsmangel auch Infektionen mit krebserregenden Viren (z. B. HPV und HBV) und Bakterien (z. B. Helicobacter pylori). Oder auch Luftverschmutzung. Das bedeutet: Die Krankheitslast, die Krebserkrankungen verursachen, könnte durch entsprechende Aufklärung, Stärkung der Gesundheitskompetenz und Präventionsprogramme deutlich verringert werden.
Die Kosten von Krebs
Krebs verursacht großes Leid. Krebs kostet aber auch viel Geld. Das IHE rechnet vor, dass sich die direkten Kosten für die Versorgung von Menschen mit Tumorerkrankungen in den Jahren zwischen 1995 und 2023 mehr als verdoppelt haben (von 62 Milliarden Euro auf 146 Milliarden Euro pro Jahr).
Das ist weniger aufregend, als es klingt; es entspricht weitgehend der Steigerungsrate der Gesundheitsausgaben insgesamt. Gleichzeitig haben sich hingegen die indirekten Kosten reduziert, weil die bessere Krebsmedizin Sterblichkeit und Produktivitätsverluste verringert. Trotzdem ist die Summe aus direkten und indirekten Kosten im Zeitraum von 1995 bis 2023 um 43 Prozent von 159 Milliarden Euro auf 228 Milliarden Euro gestiegen. Das ist nicht verwunderlich, denn es werden heute viel mehr Menschen mit Krebs behandelt: „Setzt man diese Kosten dem zugrunde liegenden Anstieg der Zahl der Krebspatienten gegenüber, zeigt sich: Die wirtschaftliche Belastung pro neuem Krebspatienten blieb zwischen 1995 und 2023 mit etwa 70.000 bis 78.000 Euro relativ konstant.“ In den vergangenen Jahren ist sie sogar gesunken.
Doch während in den Jahren zwischen 1995 und 2000 in Europa pro Jahr durchschnittlich ein neues Krebsmedikament in die Versorgung kam, waren es zwischen 2021 und 2025 rund 14 pro Jahr. Viel hilft nicht nur viel. Es kostet auch mehr. Aber die Zahlen des IHE zeigen: Das Investment scheint sich zu lohnen.



